Die Vergangenheit und die Zukunft unseres Lebens mit Technik

Sonntag, 31. Juli 2016 - 10:00 Uhr

Im BMBF-Forschungsprojekt „Anthropofakte“ haben die Technische Universität Berlin und das Deutsche Hygiene-Museum Dresden die Schnittstelle zwischen menschlichem Körper und Technik untersucht. Dessen materielle Grundlage bildete die herausragende „Prothetik“-Sammlung des Museums. Nun erscheint ein Buch voller Objekt- und Nutzergeschichten, in dem diese Sammlung vorgestellt wird. Ein zweites Buch fasst die Abschlusstagung des Forschungsprojektes zusammen: „Parahuman. Neue Perspektiven auf das Leben mit Technik“.

Unter der Maßgabe aktueller Entwicklungen im Bereich der Prothetik stellt sich die Frage nach der Auskunftsfähigkeit der Prothetik-Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums (DHMD). Sie umfasst Prothesen, Implantate und andere Hilfsmittel aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Im Unterschied zur klassischen medizin- bzw. technikhistorischen Schwerpunktsetzung werden im DHMD die Prothetik-Objekte gesammelt, um Spuren zur Rekonstruktion historischer Alltagserfahrungen des Körpers zu sichern. Fragen nach den Gebrauchsweisen und den Beziehungen der Menschen zu ihren Prothesen werden dabei gestellt: Was macht die Prothese mit dem Menschen? Und was macht der Mensch mit der Prothese?

In dem Band „Objekte und Geschichten. Die Prothetik-Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden“ wird dieser Bestand aus der Vergangenheit anhand von Objektbetrachtungen und hypothesengeleiteter Fragestellungen im Mittelpunkt stehen. Die zentrale Rolle spielen darin die Objekt- und Nutzergeschichten. Sie vermitteln dem Leser Vertrautes und Alltägliches, berichten von schweren Schicksalen, aber auch von Stärke, Kreativität und Normalität. Sie bieten reichhaltige Ansätze für eine Korrektur oder Relativierung gängiger Vorstellungen für ein Leben mit Körperersatzteilen. Mit den Geschichten lässt sich eine neue Erzählung vom Leben mit Technik aufmachen, die nicht den Ausgleich oder die Kompensation, sondern eine selbstbewusste Aneignung und eigensinnige Verwendung von technischen Körpererweiterungen beschreibt, aber gesellschaftliche Hindernisse und individuelles Leid nicht verschweigt. Die Erschließung dieses historischen Prothesenbestandes kann damit auch einen wesentlichen Beitrag zur aktuellen Debatte über technische Körpermodifikationen leisten.

Diese Debatte und die widerstrebenden Perspektiven auf die technische Erweiterbarkeit des Körpers nahm die Tagung „Parahuman“ in den Blick, die am 17. und 18. März 2016 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden stattfand. Sie begab sich auf die Suche nach neuen Narrativen und Bildern eines guten Lebens mit Technologien und bildete den Abschluss des Verbundprojektes „Anthropofakte. Schnittstelle Mensch“. Im Tagungsband „Parahuman. Neue Perspektiven auf das Leben mit Technik“ werden die Gegenwarts- und Zukunftsdebatten vorgestellt.

Beide Bücher erscheinen im Sommer 2016:

  • Karin Harrasser, Susanne Roeßiger (Hg.): Parahuman. Neue Perspektiven auf das Leben mit Technik (Schriften des Deutschen Hygiene-Museums, Band 12), Köln/Weimar/Wien 2016.
  • Susanne Roeßiger, Annika Wellmann-Stühring (Hg.): Objekte und Geschichten. Die Prothetik-Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (Sammlungsschwerpunkte, Band 5), Dresden 2016.