Prothesen erzählen Geschichten

Montag, 15. August 2016 - 13:15 Uhr

Die Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums verfügt heute über einen Bestand von mehr als 700 Prothesen, Implantaten und anderen Körperersatzteilen, die vorwiegend aus dem 20. und 21. Jahrhundert stammen. Diese weitgehend unbekannte Sammlungsabteilung war der Ausgangspunkt des dreijährigen interdisziplinären Forschungsvorhabens Anthropofakte. Schnittstelle Mensch. Kompensation, Extension und Optimierung durch Artefakte. Im Zentrum der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Körperersatzteilen standen die sich wandelnden sozialen, politischen und kulturellen Körperbilder und die Veränderungen des Körpers durch technische Eingriffe und Erweiterungen.

 
Zum Abschluss des Dresdner Teilprojektes sind jetzt zwei Publikationen erschienen; Journalisten können Rezensionsexemplare unter presse@dhmd.de bestellen.

 

Die Prothesensammlung des Deutschen Hygiene-Museums

Im Unterschied zu einer klassischen medizin- oder technik­historischen Schwerpunktsetzung werden Prothesen im DHMD gesammelt, um historische Alltagserfahrungen von Leid und Versehrtheit bewahren und rekonstruieren zu können. Anhand dieser Hilfsmittel können Fragen nach den Gebrauchs­­weisen und den Beziehungen der Menschen zu diesen Objekten gestellt werden: Was macht der Mensch mit der Prothese? Aber auch: Was macht die Prothese mit dem Menschen? Der Sammlungsbestand des DHMD erlaubt es, einerseits das Wissen über die Geschichte der Prothetik anhand von materiellen Beispielen zu präzisieren und gleichzeitig aktuelle Entwicklung auf dem Gebiet der technischen Körpermodifikation historisch einzuordnen. Die Ergebnisse der im Rahmen des Projektes Anthropofakte erfolgten Digitalisierung der Sammlungsobjekte sind ab September unter www.dhmd.de/emuseum verfügbar.

 

Der Band Parahuman. Neue Perspektiven auf das Leben mit Technik versammelt die Beiträge der gleichnamigen Tagung, mit der das Verbundprojekt am 17. und 18. März 2016 im Deutschen Hygiene-Museum abgeschlossen wurde. Er versteht sich als Beitrag zu den Debatten um die schon heute bestehenden und sich abzeichnenden Möglichkeiten, den Körper mit Hilfe von Technologien zu ergänzen, aber auch zu verändern. Denn anders als viele der historischen Prothesen dienen moderne Hightech-Produkte nicht nur der Wiederherstellung fehlender Körperfunktionen, sondern zielen inzwischen darauf ab, körperliche Eigenschaften und Fähigkeiten gezielt zu erweitern. Anhand unterschiedlicher Anwendungsfelder wird diskutiert, ob sich in diesen „parahumanen“ Szenarien die Überwindung der menschlichen Endlichkeit abzeichnet oder aber ein alternatives Bild von einem guten Leben mit Technik entworfen wird.

 

Der Band Körpergeschichten dokumentiert zentrale Objekte des historischen Prothesenbestands des Deutschen Hygiene-Museums. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Verhältnis von Objekt und Nutzer, das es erlaubt, von individuellem Leid, aber auch von Stärke, Kreativität und zurückgewonnener Normalität zu berichten. Diese Geschichten fügen sich zu einer Erzählung, in der es nicht allein um die Kompensation von körperlichen Defiziten geht, sondern auch um eine selbstbewusste Aneignung von technischen Körpererweiterungen. So werden gängige Vorstellungen über ein Leben mit Körperersatzteilen relativiert, auch wenn in dieser Perspektive die bestehenden gesellschaftlichen Hindernisse und das individuelle Leid nicht verschwiegen werden. Der Band zeigt eindrücklich, wie sich mit Museumobjekten Körpergeschichte schreiben lässt.

www.dhmd.de/anthropofakte