Crowdsurfer auf Rädern

Ein Metal-Fan in schwarzer Kleidung, mit Henriquatre-Bart und Undercut, die linke Hand zum »Teufelsgruß« erhoben, lässt sich in einem Rollstuhl durch ein vollbesetztes Stadion reichen. Das sogenannte Crowdsurfing ist bei Rock-, Metal- und Punkkonzerten beliebt. Eine Besucherin oder ein Besucher wird, auf dem Rücken oder dem Bauch liegend, vom Publikum über die Menge getragen. Doch dass ein Fan im Rollstuhl surft, ist offenbar ungewöhnlich: Zahlreiche Anwesende halten die Szene mit Kameras fest.

Inter- und transdisziplinär forschen und kommunizieren

Den Gentechnologiebericht der Berlin-Brandenburgischen Akademie für Wissenschaften und das BMBF-Verbundprojekt Anthropofakte verbindet nicht zuletzt eine basale Gemeinsamkeit: Beides sind interdisziplinär ausgerichtete Forschungsgruppen, deren Mitglieder jeweils zu verschiedenen wissenschaftlichen Fragestellungen zusammenarbeiten.

Das Schnittstellen-Problem

So hochtechnologisch Prothesen der nächsten Generation in sich auch sein mögen – die Schnittstelle zum menschlichen Körper bleibt nach wie vor prekär. Dies wird allzu oft vergessen in einem Diskurs, der von Euphorie über die technischen Möglichkeiten der modernen Prothetik einerseits, von angstbesetzten Drohszenarien unmenschlicher Maschinenkörper andererseits getragen wird. Diese ganz technischen Probleme der Materialität thematisierte Nils Borgstedt in einem Interview mit Prof. Dr. Christoph Asmuth (Projekt Anthropofakte) auf netzathleten.de.

Der arbeitende Körper

Am 13. und 14. November 2014 fand in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn die Tagung Der arbeitende Körper im Spannungsfeld von Krankheit und Gesundheit statt. Ein willkommener Rahmen, um den eigenen Forschungshorizont zu erweitern. Dieser hatte sich für das Anthropofakte-Projekt aus gegebenem Anlass im Jahr 2014 auf Prothetik im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg fokussiert. Durch die Tagung Mobilisierung des Körpers im März 2014 wurde deutlich, dass es in den Nachkriegsjahren vor allem um die Wiederherstellung der Arbeitskraft mit Hilfe von Prothesen ging.

Echte Handarbeit – Ein Werkstattprotokoll

In der Prothetik zeichnen sich momentan verschiedene Tendenzen ab. Die Frage, welches technische Niveau sich mithilfe neuester Technologien realisieren lässt, scheint sich immer weiter von der Frage zu entfernen, wie viele dieser Möglichkeiten sich massentauglich, günstig und einfach umsetzen lassen.

Der Prothesen-Sammler

Klaus Dittmer ist ein engagierter Sammler. Über viele Jahre trug der Berliner Orthopädiemechaniker-Meister Objekte zur Geschichte seiner Zunft zusammen. Prothesen, Gehhilfen, Bandagen und spezifische Werkzeuge erzählen die Geschichte eines Handwerks, das vielen Menschen nach Kriegsverletzungen, schweren Krankheiten oder Unfällen zu neuer Mobilität verholfen hat. Klaus Dittmer hat seine Objekte immer auch als Zeugnisse der individuellen Schicksale ihrer Nutzerinnen und Nutzer begriffen, die er sorgfältig aufzeichnete. 2007 schenkte er diese Sammlung dem Deutschen Hygiene-Museum.

Objekte und Geschichten. Ein Überblick über die Prothetik-Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums

Vielzahl und Vielfalt sind ein Kennzeichen der »Prothetik«- Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums. Die Sammlung umfasst etwa 700 Körperersatzteile, die vorwiegend aus dem 20. und 21. Jahrhundert stammen. Die Prothesen, Implantate und Orthesen, Seh-, Geh- und Hörhilfen haben sehr unterschiedliche Funktionen: Sie ersetzen amputierte Körperteile oder -funktionen, ergänzen als unzulänglich wahrgenommene Körper, kompensieren oder optimieren.

Körperfunktion und Erscheinungsbild

Ob Arm- oder Beinersatz, Hand- oder Fußprothese: Forschung und Technik laborieren seit jeher an dem Problem, verlorene Körperfunktionen zu ersetzen und dabei das Erscheinungsbild der Patientinnen und Patienten so gut wie möglich zu rekonstruieren. Die Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums  (DHMD), die die Prothetik von 1870 bis in die Gegenwart dokumentiert, macht dies anschaulich: Die Objekte erzählen von der schwierigen Vereinbarkeit von Form und Funktion. Patientinnen und Patienten mussten bis in die zweite Hälfte des 20.

Material und Form

Eine Voraussetzung sowohl für den ästhetischen wie für den funktionalen Ersatz von Körperteilen ist die Verwendung zweckmäßigen Materials. Es muss sich einerseits gut formen lassen und andererseits die Solidität und Handhabbarkeit des Körperersatzteils garantieren. Welche Partien oder Funktionen auch zu ersetzen waren – immer waren Prothesenhandwerk und -industrie auf der Suche nach neuen Werkstoffen, um verlässliche, angenehm zu tragende Körperersatzteile fertigen zu können. Sie erprobten dabei Holz, Metall und Kunststoffe.

Schnittstellen

Ein sächsischer Landwirt, der im Zweiten Weltkrieg sein rechtes Bein verloren hatte, legte einen Stelzfuß an, wenn er seiner Arbeit nachging. Die robuste Holzprothese tat viele Jahre ihren Dienst. Wir wissen lediglich von einer einzigen Last, die der Landwirt mit ihr hatte: Der lederne Schaft, der seinen Amputationsstumpf umfing, weitete sich mit der Zeit. Die Prothese saß daher nicht mehr gut. Der Landwirt musste nun zusätzlich Stumpfstrümpfe anziehen, um den zuverlässigen Sitz seines Arbeitsbeins zu sichern.