Körpertechniken

Eine Szene aus einem Stummfilm: Am Rande eines Nadelwaldes stehen fünf Männer nebeneinander. Ihre schlecht sitzenden Uniformen hängen an diesem und jenem herunter wie alte Kittel. Unterhalb ihrer linken Oberschenkel klaffen Freiräume. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass Schuhe und Schenkel durch Metallgestänge verbunden sind: provisorische Prothesen, die darauf hinweisen, dass die Beine erst kürzlich amputiert worden sind. Die Einbeinigen sind zu einem speziellen Appell angetreten.

Superabled. Technisches Enhancement durch Prothetik

Die technische Erweiterung des menschlichen Körpers und die damit verbundenen Ängste und Hoffnungen sind nicht neu. Jedoch scheinen sich mit heutigem Stand der Technik neue Möglichkeiten zu eröffnen. Wo sich das Aufgabenfeld der Prothetik ehemals durch die Schaffung möglichst guter Ersatzteile definierte, stellt sich nun die Frage nach Produkten, die besser sind als das Original – aus Kompensation wird Enhancement.

Im Exoskelett aufs Siegertreppchen: Cybathlon 2016

Die diesjährige Eröffnungsveranstaltung der Fußball-Weltmeisterschaft hat es bereits gezeigt: Technische Erweiterungen des Körpers werden im Sport zunehmend präsenter. Der ›Kick-off‹ in Brasilien, bei dem ein querschnittsgelähmter Jugendlicher im gedankengesteuerten Exoskelett medienwirksam den ersten Ballanstoß vollführte, kann vielleicht auch als ›Kick-off‹ der Zeit des Cybersports gelten: Denn schon in zwei Jahren – am 08. Oktober 2016 – wird in der Schweiz der erste Cybathlon stattfinden: die weltweit erste Meisterschaft für ›robot-assisted parathlets‹.

Baumeisterin der eigenen Identität

»I am definitely not bionic, I am just as human as everybody else.« Aimee Mullins wurde 1976 in Pennsylvania geboren. Genau wie Oscar Pistorius litt unter fibularer Hemimelie, ihr fehlten von Geburt an beide Wadenbeine. Ihre Eltern entschieden sich nach einem Jahr für eine Amputation der Schenkel unterhalb des Knies. Später sollte Mullins die weltweit ersten Person sein, die auf den so genannten »Cheetah-legs«, den nach Gepardenbeinen modellierten Karbonfaser-Prothesen, laufen wird.  Schon aus diesem Grund ist sie zu einer Gallionsfigur des Behindertensports geworden.

Komm, wir drucken uns eine Prothese!

Seit einigen Jahren häufen sich Artikel, Fernseh- und Radiobeiträge darüber, was mit 3D-Druckern alles hergestellt werden könne: vom Kaffeemaschinen-Ersatzteil über kleine Doppelgängerfiguren von einem selbst bis hin zu ganzen Häusern und sogar 3D-gedruckten 3D-Druckern. Der Begriff »Drucken« hat hier allerdings nichts mit Papier und Tinte zu tun. Stattdessen wird ein Material, meist eine Art Kunststoff, erhitzt und von einer Düse Schicht für Schicht auf eine Druckplatte aufgetragen.

Die mediale Inszenierung von Oscar Pistorius als futuristischen Superhelden

Vor dem tragischen Ereignis im Februar 2013 war Oscar Pistoriusein ein weltweit gefeierter Sportstar. Der beidseitig beinamputierte Sprinter lief auf j-förmigen Karbonfederprothesen Rekordzeiten. Er gewann mehrere Goldmedaillen und qualifizierte sich im Jahr 2012 als erster Amputierter für die Olympischen Spiele in London. Vor Pistorius hatte noch nie ein Athlet sowohl an den Paralympischen als auch den Olympischen Spielen teilgenommen. Der Südafrikaner war das Aushängeschild für den Behindertensport, der Liebling der Öffentlichkeit, heißbegehrtes Fotomodell und erfolgreicher Werbeträger.

Prothesen für Kinder

Die Idee, Kinder mit Prothesen auszustatten, ist noch jung. Die Prothetik konzentrierte sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Erwachsene, denn diese waren aufgrund von Arbeitsunfällen und Kriegsverletzungen häufiger von Amputationen betroffen als Kinder. Allerdings kamen mitunter Kinder mit fehlgebildeten Gliedmaßen zur Welt oder verloren durch Unfälle Arme oder Beine. In der Medizin herrschte jedoch die Meinung vor, Kinder würden Prothesen nicht verwenden und zudem zu rasch aus ihnen herauswachsen.

»Für den Frieden provisorisch repariert«

Der Krieg ist sicherlich nicht Vater aller Dinge, doch was die Entwicklung von Prothesen betrifft, kann er elterliche Rechte beanspruchen. Zwar hat es schon im alten Ägypten, vor rund 2600 Jahren, Prothesen gegeben, die auch zivile Verletzungen ausglichen. Der Erste Weltkrieg mit seiner veränderten Kriegstechnik einerseits – Artilleriegeschosse wie Schrapnelle statt Handfeuerwaffen – und seinem verbesserten Sanitärwesen andererseits war jedoch ein wesentlicher Motor für die Entwicklung und Verbreitung von Prothesen.

Prothetik als Metapher

Eines ist eindeutig: Prothesen in den Künsten werden nicht um ihrer selbst willen dargestellt. Wie Behinderung überhaupt haben sie eine ästhetische und dramaturgische Funktion. Das materielle Artefakt ist immer zugleich ein »Bedeutungsträger«, ein Symbol für etwas anderes. Im Anschluss an Susan Sontag ließe sich danach fragen, welches ›Image‹ Prothesen in den narrativen, visuellen und bildenden Künsten haben: Lässt sich für sie etwas Vergleichbares feststellen wie für so bedeutungsaufgeladene Krankheiten wie Tuberkulose, Syphilis, Krebs oder Aids?

Geparden-Beine aus Karbon

Spätestens seit den Paralympischen Sommerspielen in London 2012 hat sie jeder einmal gesehen: die j-förmigen Karbonfederprothesen, auf denen ein- und beidseitig beinamputierte Sprinter mittlerweile so schnell laufen wie ihre nicht-behinderten Sprint-Kollegen. Der US-Amerikaner Van Phillips erfand die Sprintprothese vor genau dreißig Jahren. Wie so häufig in der Prothetik war auch in diesem Fall der Entwickler selbst betroffen: In den 70er Jahren erlitt der damals 21-jährige Phillips einen schweren Wasserskiunfall, bei dem er sein linkes Bein oberhalb des Fußgelenkes verlor.