Prothesen für Kinder

Jedes Jahr ein neues Bein

Die Idee, Kinder mit Prothesen auszustatten, ist noch jung. Die Prothetik konzentrierte sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Erwachsene, denn diese waren aufgrund von Arbeitsunfällen und Kriegsverletzungen häufiger von Amputationen betroffen als Kinder. Allerdings kamen mitunter Kinder mit fehlgebildeten Gliedmaßen zur Welt oder verloren durch Unfälle Arme oder Beine. In der Medizin herrschte jedoch die Meinung vor, Kinder würden Prothesen nicht verwenden und zudem zu rasch aus ihnen herauswachsen. In der Tat brauchen Jungen und Mädchen aufgrund des Wachstums in der Regel bereits nach ein bis zwei Jahren einen neuen Gliedersatz. Betroffene Heranwachsende erhielten daher erst nach der Pubertät Kunstglieder.1

Wende durch »Contergan«-Skandal

Dies änderte sich erst, als im Zuge des »Contergan«-Skandals die Zahl der Kinder mit angeborenen Fehlbildungen zunahm. Das von 1957 bis 1961 vertriebene Medikament »Contergan« schädigte Kinder im Mutterleib. In der BRD kamen etwa 5.000 Säuglinge mit Fehlbildungen oder gänzlich ohne Gliedmaßen zur Welt.2 Mediziner und Orthopädietechniker bemühten sich nun, die durch die Fehlbildungen versursachten Funktionseinschränkungen durch Prothesen zu kompensieren (s. Abb. 1). Die Entwicklung der Kinderprothetik erhielt einen Schub. Dabei kamen Machbarkeitsphantasien und Technikgläubigkeit zum Ausdruck: Prothesen würden es richten.

Die meisten Kinder lehnten jedoch den Gebrauch der Kunstglieder ab, weil sie ihnen schwer und sperrig erschienen und ihnen daher mehr Einschränkungen als Nutzen brachten. Da sie parallel zur Anwendung der Prothesen gelernt hatten, beispielsweise die Füße anstelle der Hände zu verwenden, empfanden sie die Prothesen als lästige Fremdkörper.3 Nur Gegenstände wie Schreibhilfen, die nicht ständig getragen werden mussten, nutzten betroffene Kinder gern und dauerhaft.4 Die Kinderprothetik konnte sich dennoch etablieren, wenngleich sie in der Orthopädietechnik randständig blieb: Passteile für Kinder, die wie jene für Erwachsene in Serie hergestellt und dann zusammengebaut und angepasst werden, waren in den 1980er Jahren noch immer rar.5

Individuelle Prothesen

Für einen Jungen, dessen rechter Fuß nicht ausgebildet war und bei dem ein einzelner Zeh vom Schienbein nach hinten zeigte, baute der Orthopädietechniker die Kunstbeine daher komplett selbst (s. Abb. 2). Die erste Prothese erhielt der Junge mit drei Jahren, die zweite mit zehn. Erst bei der Badeprothese, die er mit 16 bekam, verarbeitete der Orthopädietechniker auch einen industriell gefertigten Fuß.

Der erwachsene Körper stellte auch in den 1980er Jahren nach wie vor die Norm dar: Nur für ausgewachsene Frauen und Männer wurden vielfältige, auf unterschiedliche Bedürfnisse zugeschnittene Passteile produziert. Zugleich erschien damit der Erwachsenenkörper in der auf serieller Fertigung basierenden Prothetik aber auch als normiert, denn letztlich war – und ist – auch die Vielfalt der Passteile begrenzt. Der Kinderkörper hingegen wurde individuell behandelt: Jedes Kind erhielt eine eigene Lösung, der Orthopädietechniker formte das Ersatzglied ganz nach seinen Bedürfnissen. Anders formuliert: Dem in der Prothetik randständigen Kinderkörper passten sich die Prothesen komplett an.

Hände aus dem Drucker

Die »Robohand«, die unlängst von sich Reden macht, greift diese Idee auf. Diese Handprothese wird nach einem individuellen Design mit einem 3-D-Drucker hergestellt und funktioniert rein mechanisch (s. Abb. 3). Mit dieser Prothese lässt sich lediglich Greifen, doch sie ist kostengünstig. Während »Robohände« für Erwachsene eher ungeeignet erscheinen, gelten sie für Kinder, die gerne eine Prothese benutzen möchte, aber aufgrund ihres Wachstums häufig eine neue brauchen, als gute Wahl.6 Ob sich die Prothese aus dem Drucker bei Kindern durchsetzt, wird sich zeigen.

  • 1. Vgl. Jentschura, G./Marquardt, E./Rudel, E.-M.: Behandlung und Versorgung bei Fehlbildungen und Amputationen der oberen Extremitäten, Stuttgart 1963, S. 1 (i. O. Hervorh.).
  • 2. Vgl. Thomann, K.-D.: Die Contergan-Epidemie. Ein Beispiel für das Versagen von Staat, Ärzteschaft und Wissenschaft?, in: Ders./L. Zichner/M.A. Rauschmann (Hrsg.): Die Contergankatastrophe. Eine Bilanz nach 40 Jahren, Darmstadt 2005, S. 13–31.
  • 3. Vgl. die Interviews mit Betroffenen in Freitag, Walburga: Contergan. Eine genealogische Studie des Zusammenhangs wissenschaftlicher Diskurse und biographischer Erfahrungen, New York/München/Berlin 2005.
  • 4. Vgl. Gisbert, D./Wetz, H.-H./Hafkemeyer, U.: Möglichkeiten und Grenzen der Versorgbarkeit thalomidinduzierter Gliedmaßenfehlbildungen am Beispiel der Technischen Orthopädie Münster, in: L. Zichner/M.A. Rauschmann/K.-D. Thomann (Hrsg.): Die Contergankatastrophe – Eine Bilanz nach 40 Jahren, Darmstadt 2005, S. 97–103.
  • 5. Vgl. Baumgartner, René (Hrsg.): Amputation und Prothesenversorgung beim Kind, Stuttgart 1977. Der Katalog von Otto Bock verzeichnete 1984/85 für Kinder lediglich einen SACH-Fuß und zwei Normgelenkfüße (diese nur in zwei Größen). Heute ist die Produktpalette breiter.
  • 6. Vgl. Prothese aus dem 3-D-Drucker, in: DRadio. Forschung aktuell, 18.09.2013. <http://www.deutschlandfunk.de/prothese-aus-dem-3-d-drucker. 676.de.html?dram:article_id=262038>. (Zugriff: 4.10.2013). Siehe auch http://robohand.net/