Ästhetik

Baumeisterin der eigenen Identität

»I am definitely not bionic, I am just as human as everybody else.« Aimee Mullins wurde 1976 in Pennsylvania geboren. Genau wie Oscar Pistorius litt unter fibularer Hemimelie, ihr fehlten von Geburt an beide Wadenbeine. Ihre Eltern entschieden sich nach einem Jahr für eine Amputation der Schenkel unterhalb des Knies. Später sollte Mullins die weltweit ersten Person sein, die auf den so genannten »Cheetah-legs«, den nach Gepardenbeinen modellierten Karbonfaser-Prothesen, laufen wird.  Schon aus diesem Grund ist sie zu einer Gallionsfigur des Behindertensports geworden.

Die mediale Inszenierung von Oscar Pistorius als futuristischen Superhelden

Vor dem tragischen Ereignis im Februar 2013 war Oscar Pistoriusein ein weltweit gefeierter Sportstar. Der beidseitig beinamputierte Sprinter lief auf j-förmigen Karbonfederprothesen Rekordzeiten. Er gewann mehrere Goldmedaillen und qualifizierte sich im Jahr 2012 als erster Amputierter für die Olympischen Spiele in London. Vor Pistorius hatte noch nie ein Athlet sowohl an den Paralympischen als auch den Olympischen Spielen teilgenommen. Der Südafrikaner war das Aushängeschild für den Behindertensport, der Liebling der Öffentlichkeit, heißbegehrtes Fotomodell und erfolgreicher Werbeträger.

»Für den Frieden provisorisch repariert«

Der Krieg ist sicherlich nicht Vater aller Dinge, doch was die Entwicklung von Prothesen betrifft, kann er elterliche Rechte beanspruchen. Zwar hat es schon im alten Ägypten, vor rund 2600 Jahren, Prothesen gegeben, die auch zivile Verletzungen ausglichen. Der Erste Weltkrieg mit seiner veränderten Kriegstechnik einerseits – Artilleriegeschosse wie Schrapnelle statt Handfeuerwaffen – und seinem verbesserten Sanitärwesen andererseits war jedoch ein wesentlicher Motor für die Entwicklung und Verbreitung von Prothesen.

Prothetik als Metapher

Eines ist eindeutig: Prothesen in den Künsten werden nicht um ihrer selbst willen dargestellt. Wie Behinderung überhaupt haben sie eine ästhetische und dramaturgische Funktion. Das materielle Artefakt ist immer zugleich ein »Bedeutungsträger«, ein Symbol für etwas anderes. Im Anschluss an Susan Sontag ließe sich danach fragen, welches ›Image‹ Prothesen in den narrativen, visuellen und bildenden Künsten haben: Lässt sich für sie etwas Vergleichbares feststellen wie für so bedeutungsaufgeladene Krankheiten wie Tuberkulose, Syphilis, Krebs oder Aids?