Dingwelten

Drei Objektvignetten

Die Prothetik-Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums bildet die materielle Grundlage für das Forschungsprojekt »Anthropofakte«. Sie umfasst etwa 700 Prothesen und andere technische Hilfsmittel zur Erweiterung des menschlichen Körpers aus dem 20. und 21. Jahrhundert. In dem Band »Objekte und Geschichten« wird die herausragende Museumssammlung nun vorgestellt.

Die Be-Dingung der Stimme

Die Stimme ist ein Schnittstellen-Phänomen par excellence. Sie vermittelt zwischen Innen- und Außenraum, Physiologie und Psychologie und ist eines der elementarsten zwischenmenschlichen Ausdrucksmittel. Sie ist eine Schnittstelle zur Welt. Sie ist immer dazwischen, immer flüchtig und nie greifbar. Kann unter diesen Voraussetzungen der Verlust der Stimme durch ein Ding funktional kompensiert werden? Eine Reflexion über die Stimmprothese, die vielen kehlkopf-amputierten Menschen das Sprechen wieder ermöglicht.

»Sie haben immer einen Fremdkörper im Hals«

Nach einer Kehlkopf-Amputation keine Stimme mehr zu haben, ist für viele Betroffene nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Belastung. Darum ist sowohl vor als auch nach der OP sensible und fachkundige Beratung gefragt. Welche Form der Stimmrehabilitation ist für die jeweiligen PatientInnen geeignet? Diese Begleitung wird häufig durch Betroffenenverbände geleistet, z. B. durch die Mitglieder des Landesverbands der Kehlkopfoperierten Freistaat Sachsen e. V..

O-Ton: Frank Mädler zum Objekt ›Sprechkanüle/Trachealkanüle‹

Frank Mädler ist Vorsitzender des Landesverbandes der Kehlkopfoperierten in Sachsen, selbst kehlkopflos und spricht seit 1989 mit der Ösophagus-Stimme. Im folgenden Beitrag spricht er über das Objekt »Trachealkanüle/Sprechkanüle« aus der Sammlung des Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Diese Kanüle habe ich 1989 von unserer Klinik – eine neue und eine gebrauchte – bekommen, als ich operiert worden bin. Die Silberkanüle ohne Schlitz zur Sprechkanüle, sondern durchweg mit Innenkanüle galt bis Mitte der 90er Jahre als Nonplusultra – hat einen Vorteil: Die Silberkanüle ist wahnsinnig steril.

Crowdsurfer auf Rädern

Ein Metal-Fan in schwarzer Kleidung, mit Henriquatre-Bart und Undercut, die linke Hand zum »Teufelsgruß« erhoben, lässt sich in einem Rollstuhl durch ein vollbesetztes Stadion reichen. Das sogenannte Crowdsurfing ist bei Rock-, Metal- und Punkkonzerten beliebt. Eine Besucherin oder ein Besucher wird, auf dem Rücken oder dem Bauch liegend, vom Publikum über die Menge getragen. Doch dass ein Fan im Rollstuhl surft, ist offenbar ungewöhnlich: Zahlreiche Anwesende halten die Szene mit Kameras fest.

Der arbeitende Körper

Am 13. und 14. November 2014 fand in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn die Tagung Der arbeitende Körper im Spannungsfeld von Krankheit und Gesundheit statt. Ein willkommener Rahmen, um den eigenen Forschungshorizont zu erweitern. Dieser hatte sich für das Anthropofakte-Projekt aus gegebenem Anlass im Jahr 2014 auf Prothetik im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg fokussiert. Durch die Tagung Mobilisierung des Körpers im März 2014 wurde deutlich, dass es in den Nachkriegsjahren vor allem um die Wiederherstellung der Arbeitskraft mit Hilfe von Prothesen ging.

Der Prothesen-Sammler

Klaus Dittmer ist ein engagierter Sammler. Über viele Jahre trug der Berliner Orthopädiemechaniker-Meister Objekte zur Geschichte seiner Zunft zusammen. Prothesen, Gehhilfen, Bandagen und spezifische Werkzeuge erzählen die Geschichte eines Handwerks, das vielen Menschen nach Kriegsverletzungen, schweren Krankheiten oder Unfällen zu neuer Mobilität verholfen hat. Klaus Dittmer hat seine Objekte immer auch als Zeugnisse der individuellen Schicksale ihrer Nutzerinnen und Nutzer begriffen, die er sorgfältig aufzeichnete. 2007 schenkte er diese Sammlung dem Deutschen Hygiene-Museum.

Objekte und Geschichten. Ein Überblick über die Prothetik-Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums

Vielzahl und Vielfalt sind ein Kennzeichen der »Prothetik«- Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums. Die Sammlung umfasst etwa 700 Körperersatzteile, die vorwiegend aus dem 20. und 21. Jahrhundert stammen. Die Prothesen, Implantate und Orthesen, Seh-, Geh- und Hörhilfen haben sehr unterschiedliche Funktionen: Sie ersetzen amputierte Körperteile oder -funktionen, ergänzen als unzulänglich wahrgenommene Körper, kompensieren oder optimieren.

Körperfunktion und Erscheinungsbild

Ob Arm- oder Beinersatz, Hand- oder Fußprothese: Forschung und Technik laborieren seit jeher an dem Problem, verlorene Körperfunktionen zu ersetzen und dabei das Erscheinungsbild der Patientinnen und Patienten so gut wie möglich zu rekonstruieren. Die Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums  (DHMD), die die Prothetik von 1870 bis in die Gegenwart dokumentiert, macht dies anschaulich: Die Objekte erzählen von der schwierigen Vereinbarkeit von Form und Funktion. Patientinnen und Patienten mussten bis in die zweite Hälfte des 20.

Material und Form

Eine Voraussetzung sowohl für den ästhetischen wie für den funktionalen Ersatz von Körperteilen ist die Verwendung zweckmäßigen Materials. Es muss sich einerseits gut formen lassen und andererseits die Solidität und Handhabbarkeit des Körperersatzteils garantieren. Welche Partien oder Funktionen auch zu ersetzen waren – immer waren Prothesenhandwerk und -industrie auf der Suche nach neuen Werkstoffen, um verlässliche, angenehm zu tragende Körperersatzteile fertigen zu können. Sie erprobten dabei Holz, Metall und Kunststoffe.